Verzerrte Wahrheiten

 

 

Agrarstruktur. Die Bundesregierung fürchtet um die Früchte ihrer jahrzehntelangen Aufbauarbeit in der ostdeutschen Landwirtschaft. So steht es im Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit geschrieben. Durch überregionale, teils branchenfremde Investoren bestehe die Gefahr, »dass viele Milliarden staatlicher Mittel, die seit der Wiedervereinigung in die Umstrukturierung und die Wettbewerbsfähigkeit landwirtschaftlicher Betriebe investiert wurden, fehlgeleitet werden«. Das lässt aufhorchen.

Ich bin selbst in einem ostdeutschen Dorf aufgewachsen und habe dort die Nachwendezeit miterlebt. Direkt nach der Wende interessierte sich niemand sonderlich dafür, bäuerliche Familienbetriebe zu fördern. Kaum einer traute sich in dieser Zeit, sich selbstständig zu machen. Um nicht einen ähnlichen Kahlschlag wie in der Industrie zu riskieren, wurden die LPG-Nachfolgebetriebe stark unterstützt – die Altschuldenregelung und günstige Pachtverträge und Vorkaufsrechte für Ackerflächen sind nur einige Beispiele dafür. Jetzt hat die Politik Sorge, dass Investoren diese Steuergelder zu Unrecht abgreifen.

Fest steht, dass einige Betriebe von Investoren über sogenannte »Share Deals«, also den Kauf von Kapitalanteilen juristischer Personen, aufgekauft wurden. Das Thünen-Institut spricht davon, dass in den vergangenen zehn Jahren 2 % der Landwirtschaftsfläche über Share Deals einen neuen Eigentümer bekommen haben. Ist das nun viel oder wenig, gut oder schlecht?

Kritiker dieser Entwicklung befürchten, dass Wertschöpfung und Arbeitsplätze aus den ländlichen Regionen abfließen. Mit gravierenden Folgen für die ländlichen Räume und einem weiteren Sinken der Lebensqualität. Arztpraxen, Gastwirtschaft, Tante-Emma-Laden – in vielen Orten gibt es nicht einmal mehr einen Bäcker. Die dörfliche Infrastruktur ist längst verschwunden – auch ohne Investoren. Da ist es doch eine übertrieben romantische Vorstellung, die bäuerliche Dorfkultur wieder zu beleben.

Den Schwarzen Peter allein den Investoren zuzuschieben, ist aber zu kurz gesprungen. Denn wer die Strukturen der ostdeutschen Landwirtschaft kennt, der weiß, dass die Unternehmen nach der erfolgreichen Umstrukturierung heute Vermögenswerte darstellen, die Nachwuchskräfte nicht aus eigener Kraft stemmen können. Der Generationswechsel funktioniert mitunter gar nicht ohne Kapitalgeber.

Guter Landwirt, böser Investor? – Diese Schwarz-Weiß-Malerei hilft hier nicht wirklich weiter. Gefahren für die Agrarstruktur bestehen außerdem nicht, da die Veräußerung von Geschäftsanteilen an dieser nichts ändert. Selbst wer als Investor in Hamburg sitzt, braucht qualifizierte Arbeitskräfte vor Ort.

 

 

Thomas Künzel