Im Schatten des Populismus

 

Pflanzenschutz. Wenn nicht alle Vorzeichen täuschten, gab es zwischen Redaktionsschluss und Auslieferung dieses Heftes abermals keine Entscheidung zur EU-Wiederzulassung von Glyphosat. Die Schlammschlacht um diesen Wirkstoff ist einzigartig. Sie erinnert fatal an die Mittel, derer sich Populisten aller Länder gern bedienen: Polarisierung, Personalisierung und Moralisierung.

Polarisierung: Grautöne kommen in solchen Gedankenwelten nicht vor: Sie würden das verbreitete Bedürfnis nach einfachen Antworten stören. Nie geht es um die Frage, wozu ein Mittel wie Glyphosat eigentlich gut ist und wie es eingesetzt wird. Glyphosat ist vielfach Sinnbild einer intensiven Landwirtschaft (inklusive Gentechnik). Aber selten wird reflektiert, dass Welten zwischen der Anwendung in Europa und in Amerika liegen.

Personalisierung: Glyphosat wird von vielen Unternehmen hergestellt, formuliert und vertrieben. Das wissen die meisten Kritiker wahrscheinlich gar nicht. Nur der Name Monsanto steht im Scheinwerferlicht. Mit seiner Geschäftspolitik und seiner Kommunikation hatte sich dieses Unternehmen seinen schlechten Ruf über Jahrzehnte redlich verdient. Ohne eine solche Personalisierung hätte die Kampagne niemals ihre Dynamik gewonnen.

Moralisierung: Die Kritiker sind die Guten, alle anderen sind korrupte »Systemknechte«. Fast alle der vielen Gutachten sind von Monsanto »gekauft« oder von Monsanto »abgeschrieben« – nur das einzige, das dem Glyphosat ein »wahrscheinlich Krebs erregendes Potential« attestiert, stammt von unabhängigen Wissenschaftlern, die nichts als ihrem Gewissen verantwortlich sind? Vor ein paar Wochen kam heraus, dass zumindest zwei dieser »unabhängigen« Experten Geld von US-Kanzleien bekommen haben, deren Geschäftsmodell Sammelklagen gegen Monsanto sind. Wo bleibt nun der Heiligenschein?

Und nun? Zulassungen sind rationale Abwägungsprozesse, die nach vorher festgelegten Regeln ablaufen. Diese lassen sich nicht einfach ignorieren, weil einem irgendwelche Nasen nicht gefallen oder es politisch gerade populär erscheint. Deshalb winkt die Industrie vorsorglich mit milliardenschweren Schadenersatzforderungen. Deshalb könnte (falls sich die bekannten Positionen nicht über Nacht geändert haben) die EU-Kommission den Wirkstoff am Ende selbst für fünf Jahre zulassen und sich dabei auf ein Mandat des Europaparlamentes berufen. Doch wie es war, wird es nie mehr sein: Nationale Anwendungsbestimmungen dürften die Möglichkeiten noch weiter einschränken. Nachdem die Krebsgefahr nicht mehr so recht zieht, laufen sich einige Kritiker mit dem Argument »Biodiversität – Insektensterben« bereits warm. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

 

Thomas Preuße