20.02.2018

Präsidentenwechsel. Die DLG, ein Netzwerk voller Ideen

Foto: DLG

Der DLG-Gesamtausschuss hat am 20. Februar 2018 den Landwirt Hubertus Paetow als Nachfolger von Carl-Albrecht Bartmer, der nach vier Amtszeiten nicht mehr kandidierte, zum neuen DLG-Präsidenten gewählt. Der 51-Jährige bewirtschaftet einen Betrieb mit Schwerpunkt Ackerbau in Finkenthal (Mecklenburg-Vorpommern) und war zuletzt als DLG-Vizepräsident und Vorsitzender des Testzentrums Technik und Betriebsmittel in der DLG aktiv. In seinem ersten Interview als Präsident bewegt ihn stark die Frage, wie sich die fachliche Kompetenz der Landwirte wieder besser mit den politisch vermittelten Ansprüchen der Gesellschaft zusammenbringen lässt.

Herr Paetow, was bedeutet für Sie persönlich das Amt des DLG-Präsidenten?
Besser als mein Vor-Vorgänger Philip von dem Bussche kann man diese Frage nicht beantworten: Es ist das schönste Amt, das die Agrarbranche in Deutschland zu vergeben hat. Die DLG ist genau das, was ich mir unter einem offenen Netzwerk vorstelle. Als Präsident kann ich etwas von all dem zurückgeben, was ich von Menschen in diesem Netzwerk in den letzten 20 Jahren erfahren habe. Darüber hinaus hat die DLG eine – wie ich meine wachsende – fachliche Stimme im Konzert der Organisationen rund um die Agrar- und Ernährungswirtschaft. Ich freue mich darauf, dieser Stimme ein neues Gesicht zu geben.

In der Agrarwirtschaft steht die DLG traditionell eher für die fachlichen Aufgaben. 2017 aber haben die »Zehn Thesen« zur Landwirtschaft 2030 doch eine beträchtliche Aufmerksamkeit in der Politik, in den Verbänden und Medien gefunden. Wie positioniert sich künftig die DLG?  
Als Fachorganisation muss man heute den Dialog mit Politik, Verbänden und Medien führen. Das ist auch Teil der Aufgaben der DLG, und zwar aus zwei Gründen. Einerseits ist es auch für den erfolgreichen Unternehmer-Landwirt zwingend, kommende Entwicklungen vorherzusehen, um sich rechtzeitig darauf einstellen zu können.
Und andererseits versteht sich die DLG als »fach­liche Referenz« in der öffentlichen Diskussion über Landwirtschaft. Unser Expertennetzwerk bietet Fakten statt Fake. Wir geben Landwirten Orientierung in einer für sie oft schwierigen und unübersichtlichen Situation. Und genießen gleichzeitig – eben wegen unserer fachlichen Orientierung – auch Vertrauen außerhalb der Branche.

Bei Landwirten haben die »Zehn Thesen« auch zu Fragezeichen hinsichtlich der konkreten Handlungsoptionen geführt. Wie geht es damit weiter?
Im letzten Jahr haben wir viele Gespräche mit Verbänden, Organisationen und Landwirten geführt und in unserer Facharbeit wichtige Anstöße für die Umsetzung in der landwirtschaftlichen Praxis gegeben. Die Weichen sind gestellt, nun müssen die Züge im Sinne konkreter Optimierungsschritte in den Betrieben darüberfahren. Dazu bietet die DLG den Landwirten vielfältige Hilfe an. Die
DLG-Wintertagung mit ihrem breiten Themenspektrum ist ein konkreter Beleg dafür. Ich habe auch im eigenen Betrieb die Erfahrung gemacht, dass sich hinter manchmal großen Worten eine Vielzahl kleinerer Schritte verbirgt, die man als Landwirt gehen kann, ohne sich komplett neu erfinden zu müssen.

Was können Landwirte tun, damit ihre Anliegen und ihre neuen Wege gesellschaftlich wieder mehr Gehör finden?
Auch wenn die »alternativen Fakten« gerade zum Unwort des Jahres gekürt wurden – gerade in der Kommunikation von Fakten zu den Auswirkungen unserer Produktion und der Qualität unserer Produkte liegt der Schlüssel, um wieder das Grundvertrauen der Gesellschaft zu gewinnen. Dafür müssen wir nachhaltig produzieren und dieses mit objektiven Bewertungssystemen auch messbar belegen. Ganz wichtig ist mir dabei, dass die Ziele, die damit ins Spiel kommen, nicht als »moralisch unanfechtbare Instanz« definiert und damit undiskutierbar werden. So ist zum Beispiel die jetzt so oft beschworene Biodiversität kein objektiver oder absoluter Zustand, sondern ein Maß, das als Ergebnis gesellschaftlicher Diskussion oder politischer Kompromisse gefunden wird. Gleiches gilt für die N-Bilanzierung, weil es eben Standorte mit unterschiedlichem Speichervermögen gibt. Für solche Fragen Lösungen zu diskutieren, die gleichzeitig fachlich/methodisch korrekt und handhabbar sind, das ist eine große Aufgabe der DLG.

Je intensiver man sich am gesellschaftlichen Diskurs beteiligt, umso mehr wächst die Gefahr, damit Teile der Branche zurückzulassen.
Die finden sich dann womöglich in eigenen »Resonanzräumen« wieder. Was können wir als DLG tun, um dies zu verhindern und doch voranzukommen? Wenn man auf alle warten will, geht es zu langsam voran. Die DLG wird auch in Zukunft ein offenes Netzwerk der Landwirtschaft sein. Dabei ist es uns wichtig, den fortschrittlichen Landwirten Impulse zu geben, wie sie ihre Betriebe fit für die Zukunft machen können. Dies gilt für große und kleine Betriebe gleichermaßen. Es bedeutet eben nicht »wachsen oder weichen«: Viel mehr als bisher sollten wir bei der Suche nach Zukunfts­strategien auch an die Betriebe denken, deren Entwicklungsmöglichkeiten begrenzt sind. Strukturwandel ist nicht aufzuhalten, aber es hat immer Landwirte gegeben, die ihre Betriebe auch ohne Wachstum von Fläche oder Tierbestand unternehmerisch weiterentwickelt haben.

Alle reden von Digitalisierung – und auch Sie haben schon öfter Vorträge dazu gehalten. ­Welche Konsequenzen hat sie für die Landwirtschaft – und für die Arbeit der DLG?
Alle reden davon, dass Digitalisierung »disruptiv« wirke, also keinen Stein auf dem anderen lassen werde. In der landwirtschaftlichen Praxis sehe ich aber kaum Entwicklungen, die das be­legen. Im Moment sieht es so aus, als seien die digitalen Verfahren eher eine Weiterentwicklung bestehender Techniken. Noch ist durch die Digitalisierung kein bestehender Geschäftszweig untergegangen. Trotz oder gerade wegen aller digitalen Möglichkeiten möchte ich sagen: Der Mensch ist kein Roboter! Der einsame, digitalisierte, völlig ­autonome Mensch ist nicht die Zukunft. Der Mensch hat Bedürfnisse, die darüber hinausgehen.

Zum Beispiel, sich mit anderen Menschen zu treffen ...
Womit wir wieder bei der Eingangsfrage wären. Die DLG ist ein fachlich orientiertes Netzwerk, wo Wissen und Informationen strukturiert, geordnet und bewertet werden. Damit ist sie geradezu eine Gegenbewegung zur Vereinzelung und auch zur allseits grassierenden Beliebigkeit. Fachliche Exzellenz, dem Fortschritt verpflichtet – das ist das Fundament der DLG. Mit diesem Versprechen wollen wir auch in Zukunft offenes Netzwerk und fachlich Stimme der Land-, Agrar- und Lebens­mittelwirtschaft und unseren Mitgliedern Forum für den Austausch, wichtige Informationsquelle und Impulsgeber sein.