26.02.2020

Lebensmitteleinzelhandel. Höhere Preise sind ein Wunschtraum

Foto: ©ALDI SÜD

Angebotspreise des Handels sind unmoralisch, wenn hochwertige Lebensmittel quasi verramscht werden. Dass sich aber an der Preispolitik des LEH – allen Forderungen zum Trotz – wenig ändern wird, zeigt ein Blick hinter die Kulissen.

Die Einzelhändler stehen in einem knallharten Konkurrenzkampf untereinander. Im Wesentlichen gibt es am Markt vier große Spieler: Edeka und seine Discounttochter Netto, Rewe und die Discounttochter Penny, die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland sowie Aldi. Alle werben um die Gunst der Kunden auf einem Markt, auf dem kein großer Zuwachs mehr zu erwarten ist. Was letztendlich heißt, der Zuwachs des einen ist in der Regel der Verlust des anderen. Da wir deutschen Verbraucher traditionell auf preisbewusstes Einkaufen getrimmt sind, geht der Wettbewerb in erster Linie über den Preis. Nicht umsonst sind die Discounter mit einfacher Sortimentsgestaltung und günstigen Preisen eine deutsche Erfindung.

Die gerne gescholtenen Angebotspreise machen nur einen kleinen Teil des Sortiments aus. Vor allem Fleisch wird hier mit ordentlichen Rabatten beworben. Kein Wunder, denn damit handelt es sich um ein Produkt, bei dem Verbraucher besonders preissensibel reagieren. Ziel der Unternehmen ist es, mit guten Angeboten die Kunden in die Läden zu locken. Und wenn man dann schon mal da ist, weil das Hackfleisch oder die Hähnchenschenkel diese Woche besonders günstig waren, kann man ja auch direkt den restlichen Einkauf in dem Laden erledigen. Und so landen in der Regel noch zahlreiche andere Produkte im Einkaufskorb, an denen der Einzelhändler verdient.

Apropos Marge. Auch da gibt es Mechanismen, die man verstehen sollte. Über das gesamte Sortiment gesehen liegt die Marge der Händler ganz grob gesagt bei 25 %. Diese ist allerdings stark produktabhängig. So gibt es auf Artikel der Grundversorgung wie Wasser, Mehl oder Salz zum Teil überhaupt keine Marge. Hier reichen die Händler ihre Einkaufspreise weiter. Dennoch bieten sie sie an, weil die Kunden das erwarten. Und wenn sie schon Mehl und Wasser kaufen, landen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch noch andere Produkte im Wagen, an denen sich mehr verdienen lässt. Dazu gehören z. B. Obst und Gemüse oder frische Backwaren mit Aufschlägen von bis zu 30 %.

Hier schließt sich auch wieder der Kreis zu den Lockangeboten, über die sich gerade Landwirte so gerne ärgern. Den Händlern ist es gesetzlich grundsätzlich verboten, unter Einstandspreis zu verkaufen. Gerade in den letzten Jahren wird dieses Verbot durch die Kartellbehörden auch verstärkt kontrolliert. Das heißt, wenn die Einzelhändler Fleischprodukte besonders günstig anbieten, geht das im Zweifelsfall zulasten ihrer Marge und wirkt sich nicht direkt auf den Einkaufspreis und damit den Auszahlungspreis an die Landwirte aus. Natürlich kann man es trotzdem skandalös finden, wenn hochwertige tierische Produkte »verramscht« werden. Zu glauben, dass ein Verbot solcher Lockpreise aber zu besseren Erzeugerpreisen führen würde, ist ein Trugschluss.

Überhaupt die Erzeugerpreise! Gerne wird kritisiert, der Handel mache Druck auf seine Erzeuger. Natürlich hat der Handel eine gewisse Macht, und eine Auslistung bei Lidl kann sich selbst eine so große Marke wie Coca Cola nicht auf Dauer leisten, wie vor einigen Jahren zu sehen war. Andererseits gehören dazu immer zwei Seiten. Auf der einen die Einkäufer des Handels, die natürlich versuchen, einen bestmöglichen Abschluss zu machen. Auf der anderen Seite aber eben auch die Vertreter von Molkereien oder Schlachthöfen, die manches Mal einschlagen, um überhaupt einen Auftrag zu bekommen. Hier werden auch zum Teil schon Angebotsaktionen mit verhandelt, über die aber auch wieder mehr Mengen abgesetzt werden. Ansprechpartner für den Handel ist eben in vielen Fällen nicht der einzelne Landwirt, sondern es ist die Verarbeiterstufe, die zwischengeschaltet ist.

Auch dass der Handel auf der einen Seite günstig einkaufen will, auf der anderen Seite aber bestimmte Anforderungen an die Produzenten hat, dürfte eigentlich kaum verwundern. Man stelle sich den Landwirt vor, der zu seinem Futterhändler geht, um ihm mitzuteilen, dass er in Zukunft einen höheren Preis bezahlen will, weil die Futterqualität so gut ist. Und außerdem der Futterhändler das Produkt ja GVO-frei anbietet.
Und auch ein Blick in andere Branchen zeigt, dass das Verhalten des Handels an dieser Stelle ganz und gar nicht ungewöhnlich ist. Auch VW oder BMW machen ihren Zulieferern genaue Vorgaben, wie sie die Autoteile zu produzieren haben. Denn ähnlich, wie auch der Handel, ist der Autobauer in der Verantwortung, seinen Kunden ein sicheres Produkt zur Verfügung zu stellen. Gibt es vermehrte Unfälle wegen falscher Bauteile, fällt das auf den Autobauer zurück. Ebenso versucht sich der LEH möglichst weit aus der Schusslinie zu nehmen, was z. B. Rückstände in Lebensmitteln angeht. Und bei allem, was über die »normale« Sorgfaltspflicht hinausgeht, kommt wieder der Konkurrenzdruck ins Spiel. Denn auch Standards können ein Merkmal sein, um sich im harten Kampf um den Kunden abzusetzen. So schließt sich auch hier der Kreis.

Bleibt unter dem Strich die Erkenntnis, dass die Forderung, der Handel soll höhere Preise für Lebensmittel verlangen, zwar gut klingt, in der Realität aber nicht ­umsetzbar ist. Ganz zu schweigen davon, was das Kartellamt sagen würde, wenn die Einzelhändler beschließen würden, flächendeckend die Preise um einen bestimmten Anteil zu erhöhen. In einem freien aber gesättigten Markt – sowohl aufseiten der Erzeuger als auch aufseiten der Kunden – ist das einfach ein Wunschtraum der Landwirte.

Ihr Kontakt zur Redaktion:
[email protected]