Ackerbau-Trends. Wie Experten die Zukunft sehen

Wo stellen sich im Ackerbau und speziell beim Weizen die größten Herausforderungen? Wo liegen die Lösungsansätze? Das haben wir die Teilnehmer des DLG-Weizenvergleichs gefragt. Hier ihre Antworten.

Der traditionelle Weizenanbauvergleich auf den DLG-Feldtagen ist ein „Europa in klein“: Der Rahmen ist überall ähnlich, die Strategien sind es schon weniger, und die konkrete Herangehensweise  ist durchaus individuell. Weil Sie leider die Bestände nicht sehen und mit den Versuchsanstellern nicht diskutieren können, haben wir diesen ein paar Fragen zum Ackerbau generell und zum Weizenanbau speziell geschickt.

Günter Stemann, FH Soest

Günter Stemann, Hochschule Südwestfalen. Es gibt viel zu tun: Neben Pflanzenschutz, „Bodenfitness“ durch konservierende Bodenbearbeitung und Fruchtfolge sowie der bei allen Antworten aus Deutschland unvermeidlichen Düngeverordnung liegen ihm die Zukunft von Raps und ggf. Rüben sowie der Zwischenfruchtanbau besonders am Herzen. Und als Soester natürlich auch die durch den absehbaren Verlust von Folicur durch Rost gefährdeten Körnerleguminosen. Lösungsansätze der Landwirte kann Stemann noch nicht substantiell erkennen. Der Weizenanbau jedenfalls werde sich in den nächsten Jahrzehnten nicht grundsätzlich ändern. Die Sorten bringen eine bessere N-Effizienz mit und sind gesünder. Für besonders wichtig hält Stemann die Früherkennung von Krankheits- und Schädlingsbefall. Vielleicht lässt sich dies ja durch Digitalisierung lösen, aber derzeit misst ihr der Experte aufgrund der geringen Kosten-Nutzen-Relation sowie steigender Abhängigkeitsverhältnisse keine überragende Bedeutung zu.

Johannes Klewitz und Bernd Rüter, Haus Düsse

Johannes Klewitz, Bernd Rüter, LWK Nordrhein-Westfalen. Die Landwirte stellen sich auf neue Bedingungen ein: Die „Lokalmatadore“ von Haus Düsse nehmen ein hohes Interesse an mechanischer Unkrautbekämpfung wahr, eine (wieder) höhere Intensität der Bodenbearbeitung, eine verstärkte Gülledüngung im Frühjahr sowie Investitionen in Güllebehälter und (bei Intensivkulturen wie Kartoffeln) in Beregnung. Auf ihrer Wunschliste stehen u. a. eine schnelle und verlässliche „N-Sensorik“ und insgesamt die Effizienzsteigerung der organischen Düngung über NIRS oder Ansäuerung. Die Digitalisierung sehen sie vor allem als Hilfsmittel der Dokumentation. Homogene Böden und vergleichsweise kleinere Betriebe ließen keinen zu großen Nutzen von Precision Farming in der Region erkennen.

Das Team der Hochschule Anhalt

Prof. Dr. Annette Deubel, Hochschule Anhalt. Auch ihre Anmerkungen spiegeln die ganze Palette der Herausforderungen, von der Trockenheit (mit der Folge von Liquiditätsengpässen) über die Düngeverordnung bis zum Verlust von Wirkstoffen (insbesondere Glyphosat) und den damit verbundenen Einschränkungen beim Resistenzmanagement. Lösungen sieht die Professorin in wassersparender Bodenbearbeitung, Suche nach alternativen Fruchtarten (Vertragsanbau von Dinkel und Emmer?), mechanischer Unkrautbekämpfung oder gleich der Umstellung auf Ökolandbau. Wobei einige Betriebe diesen als „Strohhalm“ nutzen, um Prämien mitzunehmen. Datenmanagement für die Düngeplanung und teilflächenspezifische Lösungen sind gerade in den großen Ackerbaubetrieben Ostdeutschlands entscheidend. Offene Fragen wie Kompatibilität oder beim Einsatz von Drohnen und autonomen Systemen hemmen aber die Umsetzung innovativer Lösungen.    

Ferenc Kornis vom IfBP, Schackethal

Ferenc Kornis, Institut für Bodenkultur und Pflanzenbau, Schackethal. Ein effizienter Einsatz von Nährstoffen und Pflanzenschutzmitteln sind für den Berater aus Sachsen-Anhalt die entscheidenden Punkte. Das bedeutet weniger Herbizide und die Bekämpfung von „Hotspots“ bei den Krankheiten und vielleicht auch einzelnen Schädlingen. Zustand, Struktur, und Fruchtbarkeit des Bodens werden wichtiger; die Landwirte werden sich wieder mehr mit Grundlagen befassen. Die teilflächenspezifische Bewirtschaftung sieht der Experte eher kritisch: Sie sei sinnvoll, doch oft seien Datenüberflutung und falsche Interpretation der Unterschiede die Ursache für falsche Entscheidungen. Oft werde nicht kommuniziert, wie komplex das alles ist.

Sergey Lesvshtanov, Russland

Sergey Levshtanov, Agrostandart, Krasnodar. Liquidität und damit Kostenmanagement spielen auf den großen Betrieben Russlands eine entscheidende Rolle. Und somit auch die Digitalisierung z. B. in Form von Drohnen zur Einsparung von Produktionsmitteln und zur Vereinfachung des ­Managements.

Zehn-Tonnen-Klub, Schweden. Diese Vereinigung großer Betriebe setzt auf Ertragssteigerung bei 10 % verbesserter N-Effizienz, und zwar bewusst mit chemischem Pflanzenschutz. Größte Herausforderung ist das Wetter (weshalb aktuell Investitionen in Ent- und Bewässerung sowie Getreidelager anstehen). Der Mangel an Pflanzenschutz-Wirkstoffen ist ein weiteres wichtiges Thema, weshalb Precision Farming und Prognosen eine große Rolle spielen.

Das Team vom Schweizer Strickhof

Strickhof, Schweiz. Ganz anders als die Schweden reagieren die Schweizer auf den eingeschränkten Pflanzenschutz mit ackerbaulichen Maßnahmen und mit Technologie: mehr Bio, mehr mechanische Unkrautbekämpfung (auch mit dem Hackroboter), mehr robuste Sorten. Precision Farming erscheint bei Schlaggrößen von 2 ha nicht als Lösung der Zukunft. Vor der Digitalisierung sehen die Schweizer in der Breite zunächst eine Verbesserung des Betriebsmanagements.

Jan Kren, Universität Brno. Auch in Tschechien „stimmen“ die langjährigen Anbauerfahrungen wegen zunehmender Klimavariabilität nicht mehr. Dazu kommen politische Restriktionen und gesellschaftliche Fragen sowie der Mangel an Facharbeitern. So sieht der Professor zwar die Bedeutung technischer Innovationen, mahnt aber auch veränderte Anbaupraktiken (Mulchsaat, Zwischenfrüchte), Züchtungsinnovationen (z. B. Wurzelsystem) oder mehr Biodiversität an. Digitalisierung mutet zwar gerade für die in Tschechien im Schnitt sehr großen Betriebe als „die“ Lösung an, fördert aber nach Ansicht von Kren eine vereinfachte Anbaupraxis und hat negative Folgen, wenn darüber das Wissen vom Boden und die Wechselwirkungen zwischen Boden und Pflanze vergessen werden.
Und dann kommt noch eine überlegenswerte Aussage speziell zum Weizen: Der sei weltweit vergleichsweise leicht anzubauen und deshalb besonders vorzüglich auf großen Betrieben mit industrialisierten Technologien.

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